The Art of Roadtrip: Eine Schilderung über das Unterwegssein.

Donnerstag, 12. September, 14:32 Uhr, Florenz

Die Aussicht ist wie gemalt: Der Piazzale Michelangelo schenkt uns einen unvergesslichen Blick über die Altstadt von Florenz, zwischen all den mittelalterlichen Dächern ragt der wunderschöne Dom empor, die toskanischen Hügel rund um die Stadt sind im Hintergrund noch deutlich erkennbar und das Wetter trägt durch einen klaren, tiefblauen Himmel seinen Teil zu diesem unbezahlbaren Moment bei. Einen Cappuccino, bitte.

Es ist Tag sechs des Roadtrips durch die Toskana und die Auvergne, nach knapp 1.200 km: Die Motorräder stehen für 36 Stunden in der Garage, zum ersten Mal schweifen die Gedanken ein wenig. Ich denke an die vergangenen Tage, die herrlichen Pässe über die Dolomiten, die kristallenen Bergseen, die schroffen, grauen Felsen die sich aus dem Grün hervorheben, die hohen, befahrbaren Dämme entlang des Po, die Adria und die beeindruckende Kulisse der Stadt Florenz die wir heute zu Fuß besucht haben.

Das ist unser erster Ruhetag bei unserem Roadtrip, der dritte Cappuccino wird gerade serviert. Und wenn das erst der Anfang ist, will ich niemals aufhören.

Die Aussicht über FLorenz bei einem Cappucino.
Noch einen Cappuccino bitte: Die Aussicht über Florenz vom Piazzale Michelangelo.

Samstag, 14. September, 19:57 Uhr, Siena

Die Route unseres Roadtrips hat uns nach jeder Menge abseits gelegener Bergwege in eine der schönsten Städte der Toskana geführt. Während Einheimische und Touristen auf der weitläufigen, abschüssigen Fläche Platz nehmen kann man förmlich spüren wie hier beim uralten Palio die Pferde um die Häuser hetzen. Ich sitze am Campo und bin etwas beseelt von der überraschenden Größe des Bieres das uns serviert wurde. Die Wiesn beginnt nächste Woche daheim in München, doch die Maß ist hier.

Beim abendlichen Stadtrundgang lassen die mit den Bannern der Stadtteile geschmückten, engen Gassen das Mittelalter wieder aufleben. Schön, dass sich die alte Rivalität der Viertel sogar in den unterschiedlichen Straßenlampen zeigt.

Die mittelalterlichen Gassen Sienas sind geschmückt mit den Bannern der Stadtteile.
Die mittelalterlichen Gassen Sienas sind geschmückt mit den Bannern der Stadtteile.

Montag, 16. September, 15:10 Uhr, Cinque Terre

Die Spitzkehre ist so eng dass ich mal wieder allen Mut zusammen nehmen muss um den Blick nicht kurz vor mich zu werfen, sondern weit in die Kurve hinein. Es ist heiß und feucht, und wir fahren tief in die Täler der Cinque Terre hinein. Die Passstraße oben ist gesperrt, wegen irgendwas, und so suchen wir den Weg nach unten. Ich bin derart beeindruckt von der dicht und vielfältig begrünten Kulisse dass ich für einen kurzen Augenblick eine wichtige Regel vergesse: Nicht mit eingeschlagenem Lenker vorne bremsen.

Ich wollte doch nur kurz die Kamera aus dem Tankrucksack holen, um ihn auf einem Bild festzuhalten, diesen wunderbaren Ort. Nachdem mir ein freundlicher Italiener beim Aufrichten des Motorrads hilft kann ich doch noch ein paar Fotos machen. Ohne Objektivfilter, den es beim Sturz zersplittert hat.

Einsam und durchaus anspruchsvoll: Die engen Straßen in Cinque Terre.
Einsam und durchaus anspruchsvoll: Die engen Straßen in Cinque Terre.

Donnerstag, 19. September, 17:29 Uhr, Les Baux

Hier oben weht der Wind so heftig dass ich meine Kamera eng an mich halten muss. Ich verstehe mein eigenes Wort nicht. Ich stehe auf dem obersten Turm der Festung Les Baux, und so wie ich mich darüber schäme von diesem Ort nichts gewusst zu haben, so sehr freue ich mich darüber, ihn per Zufall bei einem kleinen Ausflug während unseres Ruhetages in Avignon entdeckt zu haben. Denn auf einmal stehe ich im wohl großartigsten Freiluftmuseums über das Mittelalter: Die in den Felsen geschlagene Burg inmitten dieser märchenhaften Landschaft ist ganz wunderbar belassen bzw. ohne viel Firlefanz so wiederhergestellt, dass man den Eindruck hat Ritter des gleichen Ordens zu sein, der sich damals als die Abkömmlinge der Heiligen Drei Könige bezeichnete.

Vorsichtig taste ich mich die jahrhunderte alten Stufen wieder hinunter, behalte dabei meine Kamera fest in der Hand, und den fantastischen Ausblick im Gedächtnis.

Die ehemalige Ritterfestung Lex Baux bietet einen unvergesslichen Ausblick über die Camargue.
Die ehemalige Ritterfestung Les Baux bietet einen unvergesslichen Ausblick über die Camargue.

Sonntag, 22. September, 11:32 Uhr, irgendwo in Frankreich

Die nächste Stunde beginnt wie so oft während des Roadtrips mit diesem neugierigen Blick auf irgendeinen Feldweg, der von der geplanten, asphaltierten Route weg mitten in den Wald führt. Er sieht zunächst einfach aus: Zwei Spurrillen, die ab und an vom ansässigen Landwirt mit seinem Traktor befahren werden, dazwischen grüner, feuchter Rasen, der sich davon nichts hat anmerken lassen. Joe überprüft zu Fuß die Bedingungen etwas weiter oben: Die Steigung ist mehr als ordentlich, der Schotter wird gröber, und ab und an findet sich ein kleines Schlammloch. Alles machbar, so wirkt es.

Und los.

Der Grip ist gut, trotz Straßenreifen, das Motorrad schlängelt sich perfekt durch die Steine und so lange wir mit der richtigen Dosis am Gas bleiben kommen wir gut voran. Doch die Steine werden immer größer und spitzer, die Kurven enger, der Pfad schmaler. Der Weg scheint uns mit jedem Meter immer mehr abzuverlangen, die stehende Arbeit auf dem Motorrad wird immer anstrengender, und ich spüre die Schläge des Lenkers auf meinen Handballen und in meinen Gelenken.

Von einem Feldweg ist mittlerweile nichts mehr zu sehen, die Bäume links und rechts rücken immer näher, es wird immer dunkler, der Schotter vermischt sich mit feuchter Erde, und die zu überwindenden, aus dem Waldboden herausragenden Wurzeln werden immer dicker und rutschiger. Es scheppert dermaßen dass ich mir mittlerweile nicht nur Sorgen um meine Handgelenke, sondern auch um den Unterbodenschutz mache. Kein Weg mehr, keine Spur, wir fahren mitten durch den Wald. Der Spalt, den uns die Baumstämme bieten wird so eng dass wir mit den Koffern kaum hindurchpassen. Mein Hinterrad schlittert derart über das Moos dass ich mich fragen muss wer gerade die Kontrolle hat: Ich, das Motorrad oder der Wald?

Und dann das Ende des Tunnels: Ich erkenne eine Straße die sich immer mehr nähert, davor geht es nochmal ein steiles Stück bergab durch ein Wasserloch. Wach bleiben, Augen nach vorne, und ich setze auf dem Asphalt auf.

Aufatmen, Durchatmen. Und weiter. Auf der Suche nach dem nächsten Feldweg.

Durch kleine, versteckte Waldwege schlängelt sich unsere Route, die uns alles abverlangt.
Durch kleine, versteckte Waldwege schlängelt sich unsere Route, die uns alles abverlangt.

Am Abend des selben Tages, 20:53 Uhr, irgendwo in Frankreich

Ich stehe in einer Scheune und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Holzhütte in einem Hintergarten inmitten der Auvergne sieht von innen aus wie aus ein Museum. Genauer gesagt ein Motorrad-Museum. Privat, geheim, irgendwo auf dem Land. Und ein wahres Schmuckstück.

Unser Gastgeber, auf dessen Bauernhof wir übernachten dürfen, hat das gemeinsame Abendessen verschoben um uns dieses ganz besondere Highlight zu bieten. Einer seiner Freunde, etwa 10 km weiter weg wohnhaft, ist nicht nur leidenschaftlicher Motorradfahrer, sondern auch ein etwas verrückter Fan, wie er selbst sagt. Und er hat sich ein Ziel gesetzt: Alle 700 ccm Maschinen der Jahrgänge 1960 bis 1975 zu besitzen. Nur: Der gute Mann kauft die Klassiker nicht einfach gebraucht, sondern in Einzelteilen. Um sie dann in mühevoller Arbeit zu restaurieren und zusammenzuschrauben. Seit 16 Jahren.

Und da stehen sie, diese herrlichen Zweirad-Oldtimer: Ducati, Norton, Triumph und viele andere. Zwei- bis Sechszylinder. Luft-, Wasser- oder Ölgekühlt. Die Wände des Heiligtums sind voll mit alten Fotos und Zeitungsartikeln von Motorrad-Rennen. Alles im Original. Und wir bekommen jedes Detail mit dutzenden Anekdoten erklärt. Meine persönliche Leidenschaft für das Motorradfahren wird im Vergleich dazu auf einmal ganz klein. Was für eine schöne, verrückte Überraschung. Das Essen kann warten.

Mittwoch, 25. September, 23:42 Uhr, München

Ich bin daheim und schreibe diesen Blogartikel. Es ist dunkel geworden, doch der Bildschirm vor mir strahlt mich so hell an als hätte er mich drei Wochen lang vermisst. Ich habe die Kopfhörer auf und höre „In A Room“ von „The House Of Love“. „No I can’t slow down…“ heißt es.

Ich bin müde. Ich schiebe alles auf die 430 km die wir heute nach Hause gefahren sind. Doch in Wahrheit sind es die gesamten 4.591 km der letzten 19 Tage die mir in den Knochen stecken. Es sind die 17 Etappenziele, die ich in meinem Kopf habe. Die zahlreichen beeindruckenden Städte und Höhepunkte auf der Strecke. Die dutzenden Pässe, die hunderten Spitzkehren. Es sind die tausend Eindrücke, die ich erst noch verarbeiten muss.

Mein Speicher ist erschöpft, doch meine Akkus sind voll. Voll genug, um wieder loszufahren. Immer weiter. Immer unterwegs. Das sind Motorcycle Roadtrips.

Roadtrips mit dem Motorrad.
Immer weiter: Roadtrips mit dem Motorrad.

Alle Artikel und die Bildergalerie zum Roadtrip 2013 durch die Toskana und die Auvergne gibt es hier.

2 Einträge zu „The Art of Roadtrip: Eine Schilderung über das Unterwegssein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s