Staunen wie in Kindestagen: Der Gouffre de Padirac

Oft ist man enttäuscht wenn man Orte, die man als Kind bereits gesehen hat, nach langer Zeit wieder besucht. Alles scheint auf einmal kleiner und nicht mehr ganz so aufregend. Die Begeisterung, die man noch in seiner Erinnerung hat, verwäscht sich schnell mit der aus den Augen eines Erwachsenen betrachteten, nüchternen Realität.

Nicht so beim Gouffre de Padirac, den ich bereits als Kind mit meinen Eltern besucht habe. Der in der Region Midi-Pyrénées gelegene, seit über 100 Jahren erschlossene Ausflugsort ist ein über Jahrmillionen entstandenes, unterirdisches Höhlensystem. Schon der Anblick von oben bzw. von außen ist beeindruckend: Der über 30 Meter breite und 75 tiefe, senkrecht abfallende Abgrund, der Gouffre, lässt einen nachvollziehen, warum im Mittelalter die Menschen daran glaubten, der Teufel habe hier seinen Fußabdruck hinterlassen.

Während man dann tief unten, gesteuert von sehr unterhaltsamen Höhlenführern, den bis zu vier Meter tiefen Fluss auf durchaus wackligen Booten im Dunklen entlang gleitet, bekommt man beim Bestaunen der Höhlen wahrlich den Gesichtsausdruck eines Kindes: Die fast 100 Meter hohe Salle du grand Dome, deren Formationen tatsächlich den Anschein einer großen Kirchenorgel haben. Hier ein vier Meter dicker Stalaktit, dort ein 40 Meter hoher Stalagmit. Dazwischen sehr filigran anmutende, allein durch kalkhaltige Wassertropfen entstandene Figuren, die ein Bildhauer wahrlich nicht besser hätte inszenieren können.

Die erwachsene Eigenschaft, alles rational zu beurteilen, trübt die Faszination nicht. Denn wer kann sich schon tatsächlich vorstellen wie lange es dauert, bis sich ein ursprünglich kleiner Rinnsal aus Wasser durch Kalkstein frisst, so dass ein 40 km langes und bis zu einhundert Meter hohes Höhlensystem entsteht.

Einen einzigen Fakt kann man dann doch relativ gut nachvollziehen: Der natürliche, durch Kalkablagerungen entstandene, kleine Damm des unterirdischen Sees, erhöht sich alle einhundert Jahre ca. 2-3 Millimeter. Seit ich also das letzte Mal da war, ist er knapp einen Millimeter gewachsen. Du schaust dir den See ganz genau an, den einen Millimeter Kalk, den er nun mehr zu überwinden hat.

Und auf einmal fühlst du dich ganz alt. Und staunst wie ein kleines Kind.

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