2012: Das unentdeckte Land.

Ein wenig plagt mich mein Gewissen. Denn ich habe Vorurteile gehabt, gegenüber unseren Reisezielen; einige davon hatte ich noch nie gesehen. Zum Glück lag ich mit meinen Vorbehalten einmal mehr komplett falsch.

Als wir die Reise planten hatte ich mit Namen wie Zagreb, Krakau oder Breslau eher negative Assoziationen. Diese waren mit den Erinnerungen an den Balkankrieg, mit dem dritten Reich oder mit dem ehemaligen Ostblock verbunden. Slowenien, Kroatien, Ungarn, Slowakei, Polen, Tschechien: Das klingt eben zunächst nicht so sexy wie Italien, Spanien, Frankreich oder USA.

Dabei führt unsere Route durch wahrlich wunderbare Länder, Regionen und Städte. Ljubljana wirkt mit seinen nächtlich beleuchteten Gebäuden und den vielen Restaurants am Flussufer wie eine italienische Stadt – fast schon ein wenig wie Venedig, nur sauberer. Kroatien hat eine malerische Küste, und das Zentrum Zagrebs mit seinen vielen Bars ist voller Leben. Budapest wird aufgrund seiner großen Boulevards zu Recht Paris des Ostens genannt, und die pittoreske Altstadt Bratislavas ist ein Juwel.

Und dann Krakau.

Auch hier, muss ich gestehen, dachte ich zunächst an Ghetto, Auschwitz, Schindlers Liste. Und Ostblock. Dabei ist Krakau eine der schönsten Städte die ich je gesehen habe. Das historische Zentrum verbindet modernes Leben mit der Atmosphäre schon lange vergangener Jahrhunderte – fast alles wurde im Original erhalten. Dabei fügt sich der Tourismus perfekt in das Alltagsleben ein: Das Angebot für Gäste erscheint nicht wie so oft als aufgesetzter, viel zu dick bemalter Schleier über die Realität. Krakau zeigt sich so wie es ist. Und das ist ganz wunderbar.

Am Hauptplatz, dem Rynek Glowny, sitzt man im Café inmitten von Einheimischen und beobachtet zusammen das Treiben während die Sonne untergeht. Dabei ist der Platz gefühlt doppelt so groß wie der Place de l‘Hotel de Ville in Paris. Angenehm auch, dass sich keines der Restaurants der in Touristenzentren so verbreiteten wie auch dümmlichen Fotos des Speiseangebots bedient, um Gäste anzulocken. Und wo München ein Glockenspiel hat, bietet Krakau einen Trompeter, der wie in den alten Zeiten von der Spitze des Kirchturms das Ende des Tages ankündigt – nur das heute die Bürgersteige nicht bereits um 21 Uhr hochgeklappt werden. Tagsüber genießt man eine Stadtrundfahrt in einem elektrisch angetrieben Golfmobil; charmant geführt von Studenten der Stadt.

Es scheint als hätten die Stadtverwaltung und die Bürger seit jeher einen Pakt geschlossen: „Wir lieben unsere Stadt, und wir wollen so leben wie es uns gefällt. Wenn Menschen uns besuchen kommen, dann bleiben wir wie wir sind und heißen wir sie eben auf unsere Art willkommen.“ Und das macht Krakau so unglaublich sympathisch.

Ich habe bisher auf dieser Reise viel Neues entdeckt, und denke heute, am Tag bevor wir zu unserem letzten Etappenziel Prag aufbrechen, ein wenig verschämt an die Vorbehalte die ich vor Antritt unserer Reise hatte. So wenig Zeit wir für jede Stadt eingeplant haben, umso mehr hat sich jede einzelne für eine längere Städtereise empfohlen.

Paris, London, Barcelona? Nein. Es wird Zeit den Blick Richtung Osten zu richten. In das neu entdeckte Land.

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